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Gepostet am 04.11.2026

KI-Richtlinien sind kein Selbstzweck: Der Status quo in Redaktionen

Gedruckte Blätter mit dem Text „Schreibe mir einen Report über den Status quo: KI in den Medien. A4. CI des (Logo Media Lab Bayern) und (Logo KI.M). Mache keine Fehler.“, daneben eine gepunktete Illustration eines Mannes in Kleidung des 17. Jahrhunderts mit Degen, der auf die kleine Abbildung eines aufgeschlagenen Berichts zeigt, darunter eine Drehscheibe mit Zahlen; die Blätter liegen schräg auf einem Holztisch, im Hintergrund weitere Exemplare.

Mache keine Fehler: So lautet das Credo vieler Medienschaffender, wenn es um den Einsatz Künstlicher Intelligenz geht. Dafür braucht es Regeln – und der neue Report aus dem KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M) und dem Media Lab Bayern belegt, dass Innovation davon profitieren kann. Foto: © Medien.Bayern/Till Wollenweber

Interne Spielregeln bremsen Innovationen aus. Das ist ein Klischee, das sich hartnäckig hält. Gerade im Umgang mit neuen Technologien erleben wir in der Medienbranche aber derzeit das genaue Gegenteil. Die Ergebnisse aus unserem aktuellen Report Status quo: KI in den Medien, den wir gemeinsam mit dem Media Lab Bayern veröffentlicht haben, zeigen: Regeln fungieren dabei als Treiber, nicht als Bremse.

Unsere Studienergebnisse belegen, dass Regelwerke die Innovation nicht ersticken, vielmehr wachsen sie parallel zum Reifegrad des KI-Einsatzes. Je tiefer die Technologie in die Workflows integriert wird, desto detaillierter werden die Vorgaben. Ein möglicher Grund: Je größer das Medienhaus, desto eher pochen Rechtsabteilungen und Betriebsräte auf einen rechtssicheren Rahmen. Während bei Unternehmen mit über 500 Beschäftigten fast alle (97 Prozent) über formelle KI-Richtlinien verfügen, ist es bei Häusern mit unter 50 Mitarbeitenden nicht einmal die Hälfte (48 Prozent).

Manche Häuser gehen proaktive Wege und haben sogar schon vor dem Einsatz von KI Regulationen aufgestellt, ganz nach dem Prinzip des „Editor in the Loop“: Der Mensch bleibt die erste und letzte Instanz vor der Veröffentlichung. 

Angst vor Reputationsschäden

Interne Richtlinien setzt die Branche also immer mehr um: Fast 60 Prozent der Häuser haben Regeln für den Umgang mit bestimmten redaktionellen Inhalten definiert, 53 Prozent für den Schutz personenbezogener Daten. 

Zögerlicher geht man allerdings mit der Transparenz nach außen um. Nur 39 Prozent der Befragten hatten vor Inkrafttreten von Artikel 50 der EU-KI-Verordnung klare Regeln für die Kennzeichnung generierter Inhalte formuliert. Oft herrschte die Sorge, das eigene Produkt könnte durch zu viele Hinweise unlesbar werden. Der drohende Reputationsschaden durch den pauschalen KI-Stempel schien aus Sicht vieler Redaktionen deutlich größer als der eigentliche Nutzen der Technologie.

Die Wut über das Wasserzeichen

Wie emotional aufgeladen diese Debatte ist, zeigte sich in den letzten Monaten auf Plattformen wie Reddit, X oder LinkedIn. Seit das US-Unternehmen Anthropic angekündigt hat, Texte seines Chatbots Claude mit einer unsichtbaren Markierung versehen zu wollen, tobte im Netz ein Streit über Wasserzeichen bei Sprachmodellen. Google nutzt für sein System Gemini eine solche Methode unter dem Namen SynthID bereits seit knapp zwei Jahren und auch OpenAI mit ChatGPT ist nun nachgezogen.

Technisch verbirgt sich das Wasserzeichen oft im sogenannten Token-Sampling. Wenn das Modell entscheidet, welches Wort als Nächstes folgt, baut es ein subtiles mathematisches Muster in den Textaufbau ein. Das lässt sich später maschinell auslesen und so als KI-Inhalt identifizieren.

Vor allem US-amerikanische Kreative werten diesen Schritt als direkten Angriff auf ihre Arbeit. Viele klagen lautstark, man nehme ihnen durch diese Markierungen „ihre“ Texte weg. Die Ironie an dieser Stelle ist offensichtlich: Ausgerechnet die Tech-Konzerne, die ihre Modelle jahrelang mit riesigen Textmengen trainiert haben, ohne dies zu kennzeichnen, verteilen jetzt Wasserzeichen. Sie markieren das Resultat als maschinellen Output, während die Nutzer:innen plötzlich um ihre eigene Urheberschaft bangen.

Wem gehört die intellektuelle Leistung?

Im Kern dreht sich diese Diskussion um Autorenschaft. Wer einen ausgeklügelten Prompt tippt, fühlt sich schnell als alleiniger Schöpfer des Resultats. Ein verpflichtender KI-Hinweis durchbricht diese Illusion und erinnert uns daran, dass wir uns lediglich auf gemietetem Grund bewegen.

Für die meisten Journalist:innen sieht die Realität jedoch anders aus, wenn die Modelle als digitaler Sparringspartner, zum reinen Redigieren eigener Entwürfe oder zum Anregen der Kreativität genutzt werden. Hier liegt die echte Denkleistung völlig zu Recht beim Menschen. Ein unumgängliches Wasserzeichen oder ein generischer Disclaimer wischen diese entscheidende Nuance aber einfach weg. Es gibt für das System nur ganz oder gar nicht, Kennzeichnung Ja oder Nein.

Dieses Gefühl der Machtlosigkeit zieht sich bis in die Redaktionen. Wer aus gutem Willen und den EU-Vorgaben folgend transparent kennzeichnet, dass die Maschine geholfen hat, riskiert einen bitteren Nebeneffekt: Das Publikum sieht den Hinweis und entwertet unbewusst möglicherweise die gesamte Rechercheleistung. Die Sorge: Die menschliche Arbeit verschwindet hinter dem Label.

Fazit: Handlungskompetenz als publizistischer Vorteil

Das ist aber genau der Grund, wieso interne Richtlinien und transparente Kennzeichnung auch abseits der KI-VO besonders in der Medienbranche eine so hohe Bedeutung haben. Denn ja, die Gefahr des Vertrauensverlusts ist real. Wir sehen spätestens seit dem 2. August 2026 klar und deutlich, wie viel Medienhäuser tatsächlich mit KI umsetzen und vieles davon wird schnell mit Clickbait und minderwertigen Inhalten – sogenanntem „Slop“ – in Verbindung gebracht. 

Und auch Texte mit lückenhafter Kennzeichnung zu veröffentlichen und auf Kritik mit Schweigen zu reagieren, kann dem Vertrauen aber langfristig mehr schaden, als es eine ehrliche Kennzeichnung je getan hätte. Denn die Technologie ist gekommen, um zu bleiben. Ein bloßer Hinweis, dass die Maschine im Spiel war, reicht in der Realität bei diesem Vertrauensproblem nicht. Entscheidend ist das „Wie“ und die ehrliche Erklärung, mit welchem Ziel das Werkzeug genutzt wurde.

Souverän zu sein bedeutet für Medienhäuser also, Verantwortung zu übernehmen. Redaktionen, die proaktiv klare KI-Richtlinien aufstellen und diese nach außen kommunizieren, schützen ihre Glaubwürdigkeit. Wenn wir selbstbewusst erklären, dass das Werkzeug zwar beim Gerüst geholfen hat, der intellektuelle Kerngehalt aber der Redaktion gehört, hören wir auf, uns für die Technik zu rechtfertigen.

Genau jetzt ist es entscheidend, den Menschen hinter den Medienprodukten wieder sichtbarer zu machen: Die Maschine kann eine Basis liefern, aber die journalistische Einordnung, die Recherche und die Empathie kommen von uns.

Geschrieben von

Porträt von Giulia Neumeyer

Giulia Neumeyer

Event und Kommunikation

Giulia Neumeyer ist Kommunikations- und Marketingmanagerin. Mit ihrem journalistischen Hintergrund übersetzt die studierte Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin technologische Entwicklungen in verständliche Sprache, steuert die Kommunikation strategischer Inhalte und begleitet die branchenrelevante Trends rund um Künstliche Intelligenz redaktionell. 

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