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Gepostet am 27.03.2026

KI vor Ort in Würzburg: Was die synthetische Beliebigkeit von KI mit dem Menschen macht

Chan-jo Jun und Jim Sengl stehen bei einer Veranstaltung mit Getränkeflaschen in der Hand einander zugewandt und unterhalten sich lächelnd; im Hintergrund weitere Gäste.

IT-Fachanwalt Chan-jo Jun und KI.M-Leitung Jim Sengl im Gespräch. Vibecoding ist nützlich, kann aber auch schnell juristisch relevant werden.

Künstliche Intelligenz hat in deutschen Medienhäusern die Phase des reinen Experiments verlassen. Und dieses Experiment hat ein vielleicht erstaunlich banales Ergebnis: Wenn synthetische Inhalte per Knopfdruck hergestellt werden können, zählt vor allem der Mensch – denn Menschen brauchen Menschen, um Orientierung zu finden. 

Zwar werden KI-Systeme immer besser darin, durch ausgefeilte Architekturen Halluzinationen zu vermeiden. 46 Prozent der Antworten von KI-Chatbots sind trotzdem bis heute fehlerhaft. Magnus Gebauer, Trendexperte vom MedienNetzwerk Bayern, identifiziert eine Chance für Qualitätsmedien: Weil generative Technologien fehleranfällig bleiben, können sich klassische Medien als Vertrauensanker positionieren. Investigative Formate bleiben wohl auch in Zukunft eine Domäne, bei der KI nur eine untergeordnete Rolle spielen wird.

Für viele Medienhäuser bleibt die Integration von GenAI dennoch eine strategische Notwendigkeit. Das wirkt nur auf den ersten Blick kontraintuitiv. Denn Jacqueline Hoffmann, Gebauers Kollegin beim MedienNetzwerk Bayern, weiß: KI steht im Zentrum der entscheidenden Medientrends des Jahres. Das äußert sich zum Beispiel in einem fluiden Medienerleben. KI ermöglicht hyperpersonalisierte Formate, in denen sich unterschiedlichste Perspektiven und Bedürfnisse manifestieren.

Was synthetische Beliebigkeit durch KI bedeutet

Böse Zungen würden sagen: KI fördert die synthetische Beliebigkeit. Damit ist gemeint, dass Content wertlos oder so verwendet wird, dass die Grenzen zur juristischen Relevanz berührt werden. Aktuelle Skandale um sexualisierte Deepfakes verdeutlichen diese Problematik. IT-Fachanwalt Chan-jo Jun (JUN Legal) fordert daher strikte Restriktionen bei der Erstellung solcher Inhalte; die Gesellschaft benötige dringend einen wirksamen Opferschutz.

Auch jenseits ethischer Debatten wie dieser bleibt KI aus juristischer Sicht ein Minenfeld. Im Dialog mit Jim Sengl, Gesamtleitung des KI.M, beleuchtete Jun die Auswirkungen von KI-Agents wie OpenClaw auf die Medienbranche. Juns Warnung ist deutlich: Bloße Kopien bestehender Software-Lösungen bleiben Plagiate. Medienschaffende müssen hier akribisch arbeiten, um nicht in die Falle zu tappen, und hauseigene Software ist immer noch ein Geschäftsgeheimnis.

Die zentrale Zukunftsfrage ist damit indirekt ausbuchstabiert: Wie transformieren generative Technologien bestehende Geschäftsmodelle? 

Wenn die Content-Produktion vollständig automatisierbar wird und bisherige Alleinstellungsmerkmale erodieren, droht ein fundamentaler Wandel. Sengl und Jun sind sich einig: Im Zeitalter der synthetischen Beliebigkeit gewinnt menschengemachter Content massiv an Bedeutung. Denn Menschen vertrauen Menschen, nicht Maschinen.

Wie das Zusammenspiel aus KI und Redaktionsalltag gelingen kann

Bei der Mediengruppe Main-Post verfolgen Jonas Keck und David Mödl aus diesem Grund eine dezidierte KI-Strategie. Ein KI-Tool darf niemals Selbstzweck sein, sondern muss passgenau auf die Bedürfnisse der Redaktion zugeschnitten werden. Entscheidend ist die Symbiose aus strategischer Planung und praktischem Know-how. „Wir haben eng mit Entwicklern und Redakteuren zusammengearbeitet, um technische Möglichkeiten mit dem tatsächlichen Bedarf in Einklang zu bringen,“ betont Keck. „Meine Doppelrolle als Reporter und KI-Sachverständiger war dabei enorm hilfreich.“ Nur durch diesen integrierten Ansatz lasse sich ein Tool-Wildwuchs verhindern, der letztlich mehr Reibungsverluste als Nutzen erzeugt.

Die Main-Post setzt konsequent auf die Qualifizierung der gesamten Belegschaft, statt die Verantwortung lediglich auf einzelne AI Officer auszulagern. Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, durch gezielte Automatisierungen im Hintergrund administrative Prozesse zu minimieren. Die Technik soll den Redaktionen den Rücken freihalten und wieder mehr Raum für das journalistische Kerngeschäft erzeugen.

Warum wir nicht alles automatisieren können – und sollten

In der Medienbranche ist KI mittlerweile gelebte Realität. Die Herausforderungen sind vielfältig: von rechtlichen Fragen über die Gefahr der Austauschbarkeit bis hin zu ethischen Überlegungen. Die Zukunft der Medien mit KI wird nicht von der Technologie allein bestimmt, sondern von den Menschen, die sie nutzen – ihrer Kreativität, ihrem Verantwortungsbewusstsein und ihrer Fähigkeit, die menschliche Note zu bewahren, die letztlich den Unterschied macht.

Ihre Stärke spielt die Technologie bei komplexen Meta-Fragen, aufwendigen Spezifizierungen und der Bewältigung zeitintensiver Tabellenabfragen aus. Gregor Schmalzried verweist auf das Pareto-Prinzip: Ein solides Ergebnis ist in vielen Fällen wertvoller als gar keines, selbst wenn nicht immer die 100-Prozent-Marke erreicht wird. Von der automatisierten Erstellung von Konferenzpapieren bis hin zur täuschend echten Simulation von User-Personas beim Ausfüllen von Formularen entstehen Anwendungen, die zuvor schlicht nicht lohnenswert oder möglich waren. Sobald ein Problem eine klare Struktur besitzt, wird eine KI-Lösung greifbar – insbesondere durch Agenten, die eigenständig auf Dateisysteme zugreifen, Rechnungen sortieren und Formate wandeln können.

Eine Einschränkung bleibt. Im Zentrum stehen nach wie vor LLMs, die ihre eigenen Grenzen nicht kennen. Und während die Tools um sie herum austauschbar sind, bleiben hochspezialisierte Infrastrukturen wie CMS-Systeme vorerst unersetzlich. Selbst die smartesten Modelle wie Sonnet 4.6 agieren nicht in allen Bereichen gleichermaßen brillant. Sie bleiben manipulierbar und hängen in ihrer Wirksamkeit vom Menschen ab. Der Mensch ist das Bindeglied zwischen den verschiedenen Modi und er muss entscheiden, wann welcher Einsatz sinnvoll ist.

Redaktionelle Mitarbeit: Vincent Broy
Fotos: © Medien.Bayern/Laura Schwarz

Geschrieben von

Felix Rieger

Event und Kommunikation

Felix Rieger verantwortet die Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit beim KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M). Er hinterfragt das Zusammenspiel von generativen Technologien und medialen Rezeptions- und Produktionsprozessen und sucht nach Antworten darauf, wie eine reflektierte, nachhaltige KI-Nutzung in den Medien aussehen kann. 

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